Archiv für Tod

Kurt Weidemann ist tot

Posted in Berlin, Gedanken, Mannsbilder, Unvergesslich with tags , , , , , , , , on April 1, 2011 by Heike Pohl

2006 wird meinem ehemaligen Chef, einem Ex-Staatssekretär aus dem Wirtschaftsministerium, das Bundesverdienstkreuz verliehen. Die Ehrung findet im Schloss in Stuttgart statt. Der damalige Ministerpräsident Oettinger lädt ein.

Wir fliegen morgens von Berlin nach Stuttgart. Etwa 100 Gäste sind geladen, darunter etliche von ‚Rang und Namen‘.

Ich sehe mir die Menschen an, die dort versammelt sind. Manches Gesicht kenne ich. Andere sind mir gänzlich fremd.
Völlig aus der Rolle fällt ein älterer Mann mit weißem Haar, einem merkwürdigen Strohhut auf dem Haupt und einem schwarzen Ledermantel, der ihm bei mehr als 30 Grad im Schatten zur Hölle geworden sein muss.

Warum? Ich kann es nicht genau sagen, aber ich habe den Eindruck, dass er sich ebenso fehl am Platze fühlt, wie ich mich selbst. Wir stehen beide ein wenig verloren da, grad so, als hätten wir uns verlaufen.

In jovialer Geste legt sich zum Ende des offiziellen Teils dieser Feierlichkeiten die haarige Rechte meines Chefs auf meine Schulter.
„Lieber Kurt, das hier ist meine rechte Hand, die Frau Glück.“ Weiterlesen

Kein Kirschbaumkind

Posted in Autorenarbeit, Leben, Liebe, Short Storys with tags , , , , , , , , on März 30, 2011 by Heike Pohl

„Hast Du es gelesen? Was sie geschrieben haben? Über Lisa?“
Kopfschütteln.
Ein Blick, der nicht nach außen gerichtet, sich verliert in den Bildern der Erinnerung.
Der Vater schweigt.
Ihm fehlen die Worte, seit wenigen Wochen. Es ist nicht so, dass sie nicht da wären. Aber sie wollen nicht über seinen Mund kommen. Und es wären zu viele. Und sie wären nicht geordnet, ergäben am Ende keinen Sinn.
Alles ergibt keinen Sinn. Nicht mehr. Seit wenigen Wochen.
Und wo dem Vater nur das Schweigen hilft, da geht die Mutter den anderen Weg.
Sie redet.
Sie kann nicht aufhören, zu erzählen.
Von den Freunden.
Von all den Briefen, die kamen. Auch von offizieller Seite.
Von den Zeitungen, die sich interessieren.
Von all den fremden Menschen, die sich ihnen so nah fühlen, seit es geschah.
„Sogar die Wischniewskis, die seit Jahren auf die andere Seite sehen, …“, sagt sie nun und dreht das Glas Wasser auf dem kahlen Tisch.
Und der Vater sieht an ihr vorbei, hinaus aufs Meer.
Er kann die Möwen rufen hören, von denen Lisa erzählte, sie habe ihnen Brot über Bord hinaus geworfen. In der Luft noch hätten sie es gefangen und sich darum gezankt.

‚Möwen zanken ungemein elegant, Papa. Es sieht aus, als würden sie miteinander tanzen, dort in der Luft. Und mit dem Wind.‘

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