Archive for the Berlin Category

Kurt Weidemann ist tot

Posted in Berlin, Gedanken, Mannsbilder, Unvergesslich with tags , , , , , , , , on April 1, 2011 by Heike Pohl

2006 wird meinem ehemaligen Chef, einem Ex-Staatssekretär aus dem Wirtschaftsministerium, das Bundesverdienstkreuz verliehen. Die Ehrung findet im Schloss in Stuttgart statt. Der damalige Ministerpräsident Oettinger lädt ein.

Wir fliegen morgens von Berlin nach Stuttgart. Etwa 100 Gäste sind geladen, darunter etliche von ‚Rang und Namen‘.

Ich sehe mir die Menschen an, die dort versammelt sind. Manches Gesicht kenne ich. Andere sind mir gänzlich fremd.
Völlig aus der Rolle fällt ein älterer Mann mit weißem Haar, einem merkwürdigen Strohhut auf dem Haupt und einem schwarzen Ledermantel, der ihm bei mehr als 30 Grad im Schatten zur Hölle geworden sein muss.

Warum? Ich kann es nicht genau sagen, aber ich habe den Eindruck, dass er sich ebenso fehl am Platze fühlt, wie ich mich selbst. Wir stehen beide ein wenig verloren da, grad so, als hätten wir uns verlaufen.

In jovialer Geste legt sich zum Ende des offiziellen Teils dieser Feierlichkeiten die haarige Rechte meines Chefs auf meine Schulter.
„Lieber Kurt, das hier ist meine rechte Hand, die Frau Glück.“ Weiterlesen

Der Mann aus der Wilhelmstraße

Posted in Berlin, Mannsbilder, Unvergesslich with tags , , , , , , on März 21, 2011 by Heike Pohl

Meist bin ich in Eile, gehetzt, und möchte schnell nach Hause. Von der Friedrichstraße bis zum Lützowufer sind es geschätzte drei Kilometer mit dem Auto. Auf halber Strecke liegt der Ulrichmarkt und wenn ich abends nicht zu spät dran bin, dann springe ich dort noch schnell rein, um einzukaufen.

Unscheinbar, fast schüchtern, steht dort an der Ecke beim Eingang ein Mann. Er wäre mir vermutlich nicht weiter aufgefallen, hätte er nicht einen kleinen Stapel der Berliner Straßenzeitung ‚Motz‘ vor seiner Brust gehalten.

Straßenzeitungen gibt es über die ganze Republik verteilt. Ich kaufe sie immer, wenn ich einem ihrer Verkäufer über den Weg laufe. Anfangs, weil ich mir sicher war, für eine gute Sache mit ganzen zwei Euro selbst ein wenig Gutes tun zu können. Später, weil ich sie gerne lese. Weil sie mir eine weitere Perspektive auf das Leben schenkt und weil sie richtig gute Schreiberlinge birgt.

Dieser Mann also, ich nenne ihn Stefan, und schäme mich, weil ich seinen Namen vergessen habe, er steht dort Tag für Tag und offeriert die Motz in aller Zurückhaltung. Ein guter Verkäufer bist Du nicht, denke ich und weiß gleichzeitig auch, wie viele abwertende ja oftmals beleidigende Kommentare sich Männer wie Stefan Tag für Tag anhören müssen. Es fällt mir nicht schwer, seine Zurückhaltung zu verstehen.

Stefan mag so um die Vierzig sein. Er ist schlank, vielleicht sogar mager. Das ist schwer zu sagen, weil seine weiten, unförmigen Klamotten keinen wirklichen Schluss zulassen. Die Wangenknochen stehen hervor, die vereinzelten Stoppeln rund um sein Kinn haben einen rötlich blonden Stich, ebenso wie sein strähniges Haar, dessen Pony ihm bis knapp über die Augen fällt. Weiterlesen