Kurt Weidemann ist tot

2006 wird meinem ehemaligen Chef, einem Ex-Staatssekretär aus dem Wirtschaftsministerium, das Bundesverdienstkreuz verliehen. Die Ehrung findet im Schloss in Stuttgart statt. Der damalige Ministerpräsident Oettinger lädt ein.

Wir fliegen morgens von Berlin nach Stuttgart. Etwa 100 Gäste sind geladen, darunter etliche von ‚Rang und Namen‘.

Ich sehe mir die Menschen an, die dort versammelt sind. Manches Gesicht kenne ich. Andere sind mir gänzlich fremd.
Völlig aus der Rolle fällt ein älterer Mann mit weißem Haar, einem merkwürdigen Strohhut auf dem Haupt und einem schwarzen Ledermantel, der ihm bei mehr als 30 Grad im Schatten zur Hölle geworden sein muss.

Warum? Ich kann es nicht genau sagen, aber ich habe den Eindruck, dass er sich ebenso fehl am Platze fühlt, wie ich mich selbst. Wir stehen beide ein wenig verloren da, grad so, als hätten wir uns verlaufen.

In jovialer Geste legt sich zum Ende des offiziellen Teils dieser Feierlichkeiten die haarige Rechte meines Chefs auf meine Schulter.
„Lieber Kurt, das hier ist meine rechte Hand, die Frau Glück.“ Und dann bittet er den alten Herrn, mich in seinem Wagen zu Vincent Klink mitzunehmen, wo wir dann gediegen schwäbisch, mit Blick über Stuttgart, speisen werden.

Ich kenne den ‚lieben Kurt‘ nicht und sehe in der fein geharkten Auffahrt zum Schloß nur ein einziges Fahrzeug stehen: Einen von diesen Smarts, Schiebedach geöffnet, weniger Auto, denn sonst was. Und genau in dieses ‚Ding‘ steigen der liebe Kurt und Frau Glück nun ein.

Der alte Herr pflegt einen ausgesprochen flotten Fahrstil und ich bin so sehr darauf konzentriert, in den engen Kurven der Stuttgarter Steige nicht auf seinem Schoß zu landen, dass ich anfangs auf seine überaus klugen und interessanten Fragen antworte, wie ein völlig wirres Huhn. Zudem bin ich genervt, weil da durchaus männliche Menschen im Kreis der Anwesenden waren, bei denen ich allemal lieber mitgefahren wäre – größere Autos – klimatisiert und im interessanten Alter.

Und dann?
Beginnt dieser scheinbar nur äußerlich alte Mann, in seinem seltsam unkonventionellen Look, mich richtig zu faszinieren. Wenn ich recht erinnere, dann schlug er auf halber Strecke vor, den Kurs zu wechseln und diese in seinen Worten ’steife Bagage‘ allein bei Klink futtern zu lassen. Nicht nur der kleine Smart gerät hie und da ins Schleudern, auch ich selbst in meinen Antworten auf seine überaus überraschenden, philosophischen Fragen.

Am Ziel angelangt, bin ich aufrichtig enttäuscht, dass sich unsere Wege bei Tisch trennen werden.

Wieder in Berlin, finde ich schließlich heraus, dass ich die Ehre, das Vergnügen und die große Freude hatte, Kurt Weidemann begegnet zu sein.

Am 30. März 2011 stirbt Kurt Weidemann im Alter von 88 Jahren.

Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Weidemann, eine gute Reise.

Nachtrag: Es ist wunderbar, Menschen zu begegnen, ohne zu wissen, wer sie sind.
http://www.blaufisch.de/weidemann/swf_frameset.htm

Advertisements

Eine Antwort to “Kurt Weidemann ist tot”

  1. herrgrimm Says:

    Eine sehr schöne, anrührende Geschichte. Macht irgendwie neugierig auf den leider verstorbenen Herrn Weidemann. Bitte mehr davon (solche Texte)!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: